Architektur der Gründerzeit

Die Gründerzeit und ihre Architektur werden in der Fachliteratur und im allgemeinen Sprachgebrauch unterschiedlich datiert. Eine enge Eingrenzung nimmt die Reichsgründung nach dem von Deutschland gewonnenen Krieg 1870/71 zum Bezugspunkt, eine Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs, welche zur Emanzipation des Bürgertums und zur Ausweitung des Städtebaus führte. Die zunehmende Industrialisierung mit Unternehmensgründungen und infrastrukturellem Wachstum wurde von hohen Reparationszahlungen, die aus dem unterlegenen Frankreich nach Deutschland flossen begünstigt. Mit dem Anwachsen von Industrie und Wirtschaft und dem damit bedingten gestiegenen Arbeitskräftebedarf strömten immer mehr Menschen vom Land in die Großstädte, wie es zum Beispiel in Berlin der Fall war.

Gründerzeit – der Bauboom nach 1870

Die in diesem Bauboom errichteten Wohn- und Nutzhäuser gingen als Architektur der Gründerzeit oder des Historismus in die Baugeschichte ein. Neu gegründete Wohnungsbaugesellschaften und Wohnungsgenossenschaften ließen in kürzester Zeit komplett neue Stadtviertel auf ehemaligen Grünflächen entstehen. Noch heute gibt es in deutschen Städten gut konservierte bzw. sanierte Wohngebiete (wie zum Beispiel hier in Leipzig), die vollständig in der Architektur der Gründerzeit erhalten sind.

Üppige Dekorationen

Signifikantes Merkmal der Architektur der Gründerzeit ist die vier- bis sechsgeschossige, üppig dekorierte Blockrandbebauung. In ihrer ästhetischen Formensprache wurden historische Stilformen des Barock, der Renaissance und der Gotik aufgegriffen. Neben Miethäusern, Banken, Bürohäusern, Industrie- und Fabrikanlagen galt im In- und Ausland als ein weiterer Schwerpunkt der Errichtung von eindrucksvollen, stattlichen Villen für das schnell reich gewordene Großbürgertum. Innen und außen waren sie hochrepräsentativ gestaltet. Dekors und Ausschmückungen wurde mehr Aufmerksamkeit gezollt als Funktionalität.